Hecht, Forelle, Egli & Co leben auch bei uns nicht in einer perfekten Welt. Sie sind im Berner Oberland einer breiten Palette von Bedrohungen und Gefahren ausgesetzt. Der Erhalt der Fischvielfalt und somit der Fischbestände ist deshalb eine Verbundsaufgabe von Fischereivereinen, Pachtvereinigungen, kantonalen Ämtern und Verbänden und der Politik, also einer Vielzahl von Akteuren, die sich mit der Fischerei befassen. Um dieser Thematik auf den Grund zu gehen und zwar regional, ist die Idee einer Umfrage entstanden. Es sollen langjährige Fischer zu Wort kommen, die die Situation von früher und die von heute bestens kennen. Sie verfügen über ein breites Wissen und haben die Veränderungen der letzten Jahrzehnte hautnah beobachten können und eins zu eins miterlebt. Wie kamst Du zur Fischerei? Wie war das Fischen früher? Wie haben sich hiesige Fischbestände entwickelt? Wo müssen die Schwergewichte für die Zukunft gelegt werden? In einem regional einzigartigen, spannenden und praxisorientierten Ansatz kartieren die Interviewpartner die aktuelle Situation. Es gibt keine besseren Ratgeber als Personen, die sich über so lange Zeit so intensiv mit einem Hobby auseinandersetzen. Sie sind die besten Beobachter, die schärfsten Kritiker, die grössten Pessimisten, zugleich die grössten Experten und schlussendlich ein wichtiger Bestandteil der Geschichte & Gegenwart der Berner Oberländer Fischerei.

 

Bedeutung & Bezug

Zu den Befragten zählen verschiedene Fischer und ein gewaltiger Umfang an Erfahrung: Es sind aktive und ehemalige Vereinspräsidenten, Vorstandsmitglieder, Ehrenmitglieder und Ehrenpräsidenten, freiwillige- und hauptberufliche Fischereiaufseher, Vertreter von Gewässerschutzorganisationen, Gewässerökologen und Ausbildner in Person von SaNa-Instruktoren. Egal ob Bach-, Fluss-, See- oder Bergseefischer – wir haben allen sehr gerne und aufmerksam zugehört. So verschieden sie auch sind – alle haben das gleiche Interesse: Einen gesunden Fischbestand im Berner Oberland.

 

Einleitend zeigen die Antworten, wie der Bezug zur Fischerei kam. Das Hobby haben alle bereits in jungen Jahren erlernt; sie sind oft durch ihren Vater zur Fischerei gelangt. Auch Jungfischerkurse haben entscheidend zur späteren Weiterführung der Freizeitbeschäftigung beigetragen. Später, mit fortschreitendem Alter, wurde das Fischen eine Beschäftigung zwecks Entspannung, Ausgleich zum hektischen stressigen Alltag, eine Art Therapie – so die Antworten. Aber auch das Engagement für die Natur, Aus- und Weiterbildung, Zeit mit eigenen Kindern und Grosskindern verbringen, Ferien und Kameradschaft sind ein oft genannter Grund zur Ausübung dieses wunderbaren Hobbys.

 

Anno dazumal vs Heute

Oft wurde früher die regionale Fischerei mit dem Ziel ausgeübt, etwas auf dem Teller zu haben. Die grosse Mehrheit der Gesellschaft war nicht vermögend. Da kam eine Abwechslung in Form von Fisch immer recht. So wurden vermehrt punktuell, wie z.B. nach der Arbeit, für zwei Stunden am Hausgewässer schnell zwei Äschen oder drei Forellen gefangen und anschliessend zum Abendessen verspiesen. Also konnte man fast auf Ansage verschiedenste Fische fangen. Was einige dazu verleitete, ihr Sackgeld oder den Lehrlingslohn aufzubessern, indem sie die Fänge den lokalen Restaurants anboten. Aber auch Schneidertage gab’s – wenn auch nur selten. Auffällig ist auch, dass sehr oft in den in unmittelbar umliegenden Gewässern gefischt wurde – was mit der damaligen eingeschränkten Mobilität zusammenhängt. Die Fortbewegungsmittel waren primär zu Fuss, Velo oder Motorrad. Auch was die Ausrüstung angeht, gibt es enorme Unterschiede. Gefischt wurde oft mit Naturködern wie Käse, Würmern, Maden und auch Köderfischen. Der Kunstköder war der Löffel – mehr gab es nicht. Die Auswahl der Fischerruten beschränkte sich auf max. ein bis zwei Modelle. Vielerorts kam die Bambusrute zum Einsatz. Auch das Fliegenfischen war verbreitet. Bereits früher galt diese Fischerei als Königsdisziplin. Saisoneröffnungen wie die der Bachforelle, Äsche und des Hechts trugen einen Heiligenstatus. Diesen Tagen wurde regelrecht entgegengefiebert. Je nach Gewässer konnten im Durchschnitt grössere Fische gefangen werden. Jedoch waren die Mindestmasse oftmals tiefer angesetzt, wenn überhaupt welche vorhanden waren. Die Seefischer sprechen von grossen Seesaiblingen – welche sie heute vermissen. Natürlichere Gewässer und weniger Wanderhindernisse führten zu besseren Fischbeständen. Zudem dürfte auch die Inbetriebnahme von Kläranlagen einen negativen Einfluss auf die Fische gehabt haben. Schlussendlich war der Druck auf die Gewässer früher deutlich kleiner. Und zwar aufgrund der tieferen Bevölkerungszahl, weil mehr Nahrung im Gewässer war und auch weil verschiedene Wassersportarten zu dieser Zeit noch nicht existierten. Im Allgemeinen verlagerte sich das Angeln stark von der Bach- bzw. Fluss- zur Seefischerei. Heute zieht’s den einen oder anderen Fischer regelmässig ins Ausland zum Fischen. Die Hotspots sind Norwegen, Schweden, Österreich und Slowenien. Einige Fischer haben mit dem Laufe der Zeit auch ihre Techniken ausgeweitet oder verändert. Hatte man früher eine Lieblingsfangmethode zur Fischerei, sind es heute tendenziell mehr – mangels Fischbeständen, aber auch weil der heutige Wohlstand mehr Möglichkeiten öffnet. Im ganzen Dilemma gibt es durchaus auch Gewinner. So haben sich Bestände z.B. von Alet, Barbe und Wels verbessert. Sie sind anpassungsfähiger als ihre Artgenossen und stellen weniger Anspruch an die Gewässer. Zudem sind sie noch heute kaum im Fokus der Fischer. Auch die Bergseefischerei hat heute deutlich an Bedeutung gewonnen, was auf den grösseren Fischbesatz im Arnen-, Engstlen-, Öschinensee & Co zurückzuführen ist. Beruhigend zu wissen ist, was bereits damals galt: Zuhause in der warmen Stube fängt man keinen Fisch.

 

Was beschäftigt die Fischer am meisten?

Gemäss den Antworten gibt es vier Bereiche, denen in Zukunft schwergewichtig Beachtung geschenkt werden soll: Ausbildung, Gewässerschutz, Öffentlichkeitsarbeit und politisches Engagement. Es braucht gut ausgebildete Jung- und Neufischer, deren Verhalten den Vorgaben entsprechen. Es braucht geeignete Lebensräume in Form von möglichst natürlichen Gewässern, um die natürliche Verlaichung sicherzustellen.  Die Bevölkerung muss über die Sportfischerei aufgeklärt und sensibilisiert werden. Sie muss wissen, dass sich Fischer für Gewässer einsetzen und täglich am Wasser stehen. Sie sind permanente Beobachter der Natur und melden u.a. Gewässerverschmutzungen und Fischsterben. Um die Interessen der Fischer durchzusetzen, darf die Beteiligung am politischen Geschehen nicht vernachlässigt werden. Eine starke Fischerlobby wird mitentscheidend sein, ob die Gewässerschutzvorgaben zeitgerecht umgesetzt werden. Hier können die grössten Erfolge erzielt werden. Es wird allgemein festgestellt, dass andere- vergleichbare Organisationen der Fischerei um Längen voraus sind – so z.B. im Bereich des Vogel- und Naturschutzes. Hier gibt es einen grossen Interpretationsspielraum. Ist es, weil Fische unter Wasser oft nicht sichtbar sind und andere Tierarten den „Jöh-Effekt“ auf ihrer Seite haben, also der Fisch ein undankbares Tier für Eigenwerbung ist? Oder weil diese NGOs einfach besser organisiert sind und geschlossener in der Gesellschaft auftreten? „Es müssen Allianzen geschmiedet werden“, lautet eine Forderung. Es lohnt sich auf jeden Fall, diese Organisationen genauer zu betrachten, vielleicht Vorgehensweisen zu übernehmen oder allenfalls eine Zusammenarbeit zu prüfen. Um das nötige Gewicht bei Themen wie Pestizidbelastung und Wasserkraftwerke zu erlangen, ist ein Zusammenrücken unabdingbar. Es braucht vermehrt den Gedanken „Miteinander und nicht Gegeneinander“. Man muss sich auch bewusst sein, dass Dinge ins Rollen gerieten, welche bekanntlich nicht einfach aufzuhalten sind. So z.B. der Klimawandel. Immer wieder wird von natürlichen Gewässern gesprochen. Alle sind sich einig: Bei natürlichen Gewässern gibt es nur Gewinner.

 

Uneinigkeiten

Weiter besteht das Bedürfnis, über Erweiterungen von Schongebieten, Besatz und Put & Take-Gewässer zu sprechen. Vielleicht muss über weitere aber gezielte Fangmoratorien oder sogar komplette Fangverbote diskutiert werden. Oder auch das im Ausland oft betriebene Catch & Release ist ein Thema. Haben schonende Fangmethoden einen positiven Einfluss auf den Bestand? Wie sieht’s aus mit dem Besatz von Regenbogenforellen? Ein riesiges Thema, zu dem schweizweite Seminare und Podiumsgespräche stattfinden. Bei solchen Punkten sind sich nicht alle einig – was nicht negativ zu werten ist. Im Gegenteil: Unstimmigkeiten regen zur Diskussion an und so zur intensiven Beschäftigung mit einer Thematik. Dies führt auch in anderen Bereichen des Lebens regelmässig zu einer verbesserten Situation. Wieso nicht in der Fischerei?

 

Konsequenzen für Fischer

Fischerei ist ein komplexer Begriff. Ob es richtig betrieben wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Deshalb ist es wichtig, dass Fischer sich organisieren und informiert sind und dass in Zukunft weiterhin intensiv mit den Dachorganisationen und Fachleuten zusammengearbeitet wird. Bei jedem Fischer muss der erste Schritt der Beitritt in einen lokalen Fischereiverein sein. Zwar sind Fischereivereine nicht verpflichtet, einen Beitrag zu gesunden Gewässern, ansehnlichen Fischbeständen oder zu angebrachten Ausbildungen zu leisten. Jedoch sind genau dies die Hauptgründe für die Daseinsberechtigung der Fischer. Ohne Fische keine Fischereivereine! Viele Fischer sind in Fischereivereinen Mitglied und einige engagieren sich in verschiedenen Bereichen und leisten einen zukunftsorientierten Beitrag. Sei es bei Gewässerrevitalisierungen, SaNa-Kursen, Fischereigrundkursen oder bei der Imagepflege. Wenn den Antworten der Interviewpartner Glauben geschenkt werden soll, dann muss dieser Weg weiterverfolgt werden: Miteinander sich für die nachhaltige Fischerei und gesunde Gewässer engagieren und sich aktiv am Vereinsleben der regionalen Fischereivereine beteiligen!

 

Vielen Dank den Interviewpartnern und dem Leser für das Interesse an diesen Zeilen.

Hier geht’s zu den Interviews

     
 
 

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