Was haben die Schlösser am Thunersee mit den einheimischen Fischarten gemeinsam? Nicht viel – oder doch? Während den unzähligen Stunden des Inne Gehens auf dem See vergisst der Fischer schnell, dass rund um den Thunersee eine der höchsten Schlösserdichten im ganzen Lande liegt. Als ein amerikanischer Freund zu Besuch war und mit uns fischte, staunten wir nicht schlecht, als dieser mehr am Fotografieren von Schlössern Freude hatte als am Fischen selbst. Für ihn waren diese Bauwerke ein absolutes Highlight, welches er sonst nicht zu Gesicht bekommt. Erst dann wurden uns die Augen geöffnet und uns wurde wieder bewusst, wie schön unsere Schlösser sind. Und offenbar wurde das bereits vor vielen Jahrhunderten festgestellt. Bei genauer Betrachtung der Schlösser und ein Bisschen Fantasie fällt einem auf, dass Schlösser um den Thunersee mit den einheimischen Fischarten in Verbindung gebracht werden können. Es gibt durchaus Parallelen! Wie die Fische sind auch die Schlösser schon seit ewiger Zeit in der Region. Von ihren Standorten aus wird jeder Winkel des Thunersees zu jeder Zeit ganz genau beobachtet. So haben sie auch die Zeit der Lachswanderung im Berner Oberland erlebt. Bestimmt könnten sie uns ganz viele Geschichten über die Fischerei erzählen. Sie sind die ewigen Aufseher vom Thunersee.

Schloss Spiez – Die Felche

Das in der schönsten Bucht Europas auf einer kleinen Halbinsel gelegene Schloss und die Schlosskirche gehören zu den eindrücklichsten Zeugen der Berner Oberländer Geschichte am Thunersee. Das Schloss diente unter anderem dem Schultheiss Adrian von Bubenberg als Sitz. Seine Person spielte bei den Burgunderkriegen eine wichtige Rolle. Im April 1476 wurde er zum Kommandanten von Murten gewählt und hielt gegen das anstürmende Heer Karls des Kühnen von Burgund bei der Schlacht von Murten der Belagerung stand. Und so kommt auch der Vergleich mit dem Schloss Spiez und den Felchen: Auch die Felchenschwärme werden regelmässig belagert, wenn auch nicht von einem Heer mit 30’000 Mann, sondern wie es oft zu sehen ist, von einer Handvoll Fischerbooten, die ihr Glück mit der Hegenenfischerei versuchen. Adrian von Bubenberg, war bekannt für seine langen Reisen – er war ständig unterwegs. So z.B. auf seiner Pilgerreise nach Jerusalem, als er zum Ritter geschlagen wurde. Auch Felchen sind in ihrem Leben ständig unterwegs und scheinen unermüdlich ihre Runden in grossen Schwärmen zu ziehen. Wie der damalige Schlossherr sind auch Felchen landesweit bekannt. In vielen Fischrestaurants werden Felchenfillets angeboten. Die jährlich wechselnden Sonderausstellungen sind so unterschiedlich wie die einheimischen Felchenarten. Kürzlich konnte eine „neue“ Felchenart entdeckt werden. Es ist somit die siebte des Thunersees, welcher dadurch die grösste Felchenvielfalt sämtlicher Seen weltweit beherbergt. Park, Rosen- und barocker Kräutergarten laden zum Verweilen ein – genau wie es beim Fischen auf Felchen der Fall ist. Schon zu Zeiten als noch Schlossherren ein und aus gingen, war der Felchen der Brotfisch der Thunerseefischerei.

Schloss Schadau – Die Äsche

Am Gewässerabschnitt der Aare zwischen dem Schloss Schadau und den Thuner Holzschleusen befindet sich ein Äschenlaichgebiet von nationaler Bedeutung. Über Jahrhunderte zogen hier riesige Schwärme von Äschen vorbei und suchten sich geeignete Laichplätze. Wie auch das denkmalgeschützte Schloss Schadau gilt auch die Äsche in der Schadau als geschützt. Für einige Jahre galt sogar ein kantonales Fangmoratorium. Den Äschen ging es auch schon besser als heute – es fehlen offensichtlich geeignete Lebensräume. So wie auch das Schloss Schadau momentan komplettsaniert wird, sollte auch dringend etwas für die Aare in Thun gemacht werden. Wollen wir doch diesen wunderschönen Fisch mit der bekannten Fahne, wie die Rückenflosse bei der Äsche heisst, bei uns in der Region behalten!

Schloss Thun – Der Hecht

Von weit sichtbar thront seit Jahrhunderten das imposante Schloss Thun auf dem Nagelfluhrücken des Schlossbergs. Von seinen vier Türmen bietet das um 1200 erbaute Meisterwerk einen unvergesslichen Ausblick auf Berge, Stadt und See. Es erhielt seine Bedeutung durch die strategisch wichtige Lage am Ende des Thunersees und dem Aareübergang. Als Nadelöhr war der Standort prädestiniert für den Warenhandel von nah und fern. Übersicht, Strukturen im Gelände, grosses Vorkommen an Nahrung und die Kontrolle über ein Gebiet: Das sind Plätze, wie sie auch der Hecht als standorttreuer Raubfisch liebt. Wie das Schloss Thun hat auch der Hecht seinen Platz an einem ideal gelegenen Ort. Er beobachtet, lauert und packt zu. Die Stadt Thun spielte in der Schlacht von Murten eine wichtige Rolle. Sie eilt den Eidgenossen entscheidend zu Hilfe und erhielt anschliessend anstatt des schwarzen einen goldenen Stern im Wappen. Weil sich die Thuner mit dem goldenen Stern nicht zufriedengaben, erhielten sie auch noch den Hofnarren des gefallenen Karl des Kühnen, den noch heute bekannten „Fulehung“ als Dank. Wie auch der Fulehung ist der Hecht der regionalen Bevölkerung bekannt. Beide – der Hecht und der Fulehung – sind gefürchtet. Der Hecht unter Wasser und der Fulehung beim jährlichen „Ausschiesset“, dem Thuner Volksfest, wenn er die Bevölkerung durch die Stadt jagt.

Schloss Hünegg – Das Egli

Am rechten Thunerseeufer, ganz versteckt im Grünen, befindet sich das Schoss Hünegg. Das Schloss vermittelt den Eindruck, als wäre die Zeit seit 1900 stillgestanden. Die sorgfältig gestaltete Parkanlage mit vielen Pflanzen, sowohl einheimischen als auch exotischen Bäumen, erinnert an den Lebensraum der Egli. Sie lieben Lebensräume mit Wasserpflanzen und Gehölz als Laich- und Schattenplätze, als Unterstände und als Rückzugsmöglichkeit bei Bedrohung.  Der Preussische Baron Albert von Parpart und seine Gemahlin Adelheid von Bonstetten liessen das Schloss Hünegg 1861 nach Vorbildern der französischen Loire-Schlösser errichten. Ist es ein Zufall, dass gerade das „filet de perche“ eine Delikatesse unter Feinschmeckern ist?

Schloss Oberhofen – Die Seeforelle

Immer wieder werden das Schloss Oberhofen und sein schöner Park von Passagieren der Thunersee-Kursschifffahrt aus bewundert und fotografiert. Doch es lohnt sich nicht nur, sich mit der Aussenansicht seeseitig zu begnügen, sondern dem Schlossinnern einen Besuch abzustatten. In den verschiedenen Räumen wird der Wandel der Epochen veranschaulicht; von Gotik über Renaissance bis Barock. Der Schlosspark zählt zu den schönsten Gärten der Alpenregion. Mit seinen markanten Baumgruppen und den prächtigen Blumenparterres ist der historische Landschaftsgarten eine ideale Oase zum Verweilen und Geniessen. Passend zum kürzlich als schönstes Dorf der Schweiz gewählten Oberhofen ist das eigene Schloss. Die wunderbar verzierten Fellläden, die Wandmalereien und die unzähligen Türme des Schlosses erinnern an die Schönheit der einheimischen Seeforelle. Sie ist die schönste unter den Schönen! Ihre Sonnen, wie die schwarzen Punkte auf ihrem silbernem Schuppenkleid heissen, erinnern  an den Stil der französischen Könige, nach welchem Vorbild das Schloss Oberhofen über acht Jahrhunderte erbaut und umgebaut wurde. Auch wenn das Fischen auf Seeforelle oft einem stunden- ja sogar tagelangen Warten auf den Erfolg gleichgestellt wird – für viele Fischer ist die Seeforelle DIE Faszination.

Schloss Ralligen – Der Seesaibling

Von Thun am rechten Seeufer Richtung Interlaken fahrend, liegt zwischen Gunten und dem Dorfkern von Merligen das Schloss Ralligen. Die unzähligen Fenster des Anwesens sind vergleichbar mit einem Schwarm von Seesaiblingen. Weil der Seesaibling so unscheinbar ist, passt er gut zum Schoss Ralligen. Der Seesaibling ist ein Fisch der grossen Tiefen – neben den Fischern begegnen ihm höchstens Taucher auf Wassertiefen von 30 Metern oder tiefer. Wie die Seesaiblinge immer in Schwärmen unterwegs sind, sind auch die Besucher im Schloss Ralligen meistens in Gruppen anwesend und verbringen einige Zeit mit Blick auf den Thunersee und seinem Markenzeichen, dem Niesen. Vor vielen Jahren gab es einen Bergsturz in Ralligen, den einzigen bekannten Bergsturz, der den Thunersee heimsuchte. Diese Naturkatastrophe schleuderte eine grosse Zahl Steinblöcke in den See. Durch den heftigen Aufprall auf das Wasser wurden vielen Fischen die Schwimmblase zersprengt. Die betroffenen Fische schwammen nachher tot an der Oberfläche des Sees. Einige Seesaiblinge scheinen überlebt zu haben. Ihre Stammplätze, zwischen Merligen und Beatenbucht, haben sie beibehalten. Es sind immer noch bevorzugte Laich- und Fanglpätze für Seesaiblinge. Der Seesaibling ist ein ausgezeichneter Speisefisch und wohl auch darum der meist gefangene Raubfisch des Thunersees.

Es ist wie beim Fischen: Ohne Fantasie geht’s nicht! Alle diese Schlösser werden von den Besitzern und von vielen Freiwilligen mit unzähligen Stunden Fronarbeit unterhalten und bis ins letzte Detail gepflegt. Oft sind es Stiftungen, welche sich auch um die finanziellen Belange kümmern. Zur Schönheit dieser architektonischen Meisterwerke wird Sorge getragen – ohne die Arbeit von Freiwilligen dürften die Schlösser nicht in einem so guten Zustand sein, wie sie heute sind, es gäbe wohl kaum diese Auswahl an Programmen wie Ausstellungen, Vorträgen, Feste und Führungen. Es sind Leute, welche ihr Herzblut für eine Sache investieren und so zum Erhalt eines Stücks Geschichte beitragen. Wenn wir Fischer uns für die Fische so engagieren, wie es die Schlossbesitzer und deren Mitarbeiter für ihre Schlösser tun, dann könnte uns die Zukunft noch die eine oder andere Sternstunde am Thunersee bringen. Bleiben wir dran!